Uns mit unseren Wurzeln, Werten und Stärken zu beschäftigen ist eine Sache. Doch alles Unbewusste und Abgelehnte in uns, das wollen und können wir uns oft nicht anschauen. Nein, die wollen wir nicht sehen, diese dunkle Seite unserer Persönlichkeit, die sich aus all den Neigungen und Eigenschaften zusammensetzt, die wir mit unserem Selbstbild nicht vereinbaren können. Und Du darfst natürlich gerne noch ein paar Jahre länger wegschauen. Ein Klick auf „Schließen“ genügt. Allen, die mutig genug sind, noch ein wenig weiterzulesen, möchte ich zunächst einmal dazu gratulieren und in der heutigen Ausgabe gerne vermitteln, dass diese Seite in uns, die der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung als „Schatten“ bezeichnete, durchaus ihren Wert hat.

Dieser Schatten – der, den das Licht wirft genauso wie der im übertragenen Sinne – ist ein Teil von uns, untrennbar mit uns verbunden. Ihn loszuwerden oder gar zu verlieren ist nur in der Literatur möglich. Und das ist keineswegs angenehm, wie Peter Pan erfahren musste. Sein Vater, der schottische Schriftsteller Sir James Barrie, lässt ihn von der wunderbaren Trauminsel „Nimmerland“ auf die Erde zurückkehren, nur damit Wendy ihm seinen Schatten annäht. Ohne ihn war selbst ein Held wie Peter Pan nur ein halber Mensch. Erinnerst Du Dich an diese Geschichte?

Auch Du wärst ohne Deinen Schatten nur ein halber Mensch! Du siehst, es ist wichtig, Dich mit diesen Teilen von Dir auseinanderzusetzen, denn die Beschäftigung mit dem eigenen Schatten ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, Dich selbst zu akzeptieren und wertzuschätzen. Und wenn Du das tust, dann tritt fast unmerklich eine Veränderung ein.

 

Dein Schatten ist wertvoll

Alles ist vollkommen, so wie es ist! Alles in unserem Leben hat einen Sinn! Jeder Einzelne von uns leistet einen wichtigen und einmaligen Beitrag zum Ganzen. Und alles, was uns im Leben begegnet, und auch alle Teile in uns selbst mit all ihren Vollkommenheiten und Unvollkommenheiten sind maßgeschneidert und dazu da, uns auf diese Aufgabe vorzubereiten, um uns zu lehren, uns zu führen und uns die Weisheit zu schenken, die wir brauchen, um unsere einzigartigen Gaben mit der Welt zu teilen.

Wenn Du kannst, dann öffne Dich diesem Gedanken, dass jede Erfahrung und jedes Ereignis Deines Lebens sich in Übereinstimmung mit einem universellen oder göttlichen Plan entfaltet hat, wie immer Du es nennen möchtest. Akzeptiere die Möglichkeit, dass jede Person, jedes Geschehen und jeder Vorfall in Dein Leben gebracht wurde, um Dich zu Deiner eigenen inneren Weisheit zu führen und Dir dabei zu helfen, Deine Bestimmung zu erfüllen.

So gesehen hat wirklich alles seinen Sinn: Deine Eltern, Deine körperlichen Beschwerden, Deine Ängste, Deine Kämpfe, Deine Siege und Niederlagen, Deine Talente und Deine Triumpfe, Dein strahlendes Licht – und auch Dein Schatten. Du bist, wer Du bist, weil Du das alles erlebt und erfahren hast! Weil das alles ein Teil von Dir ist.

 

Deinen Schatten erkennen

Normalerweise wenden wir eine Menge Energie auf, um unseren Schatten aus unserem Bewusstsein zu verbannen. Und damit kann der Schatten zur ergiebigsten Energie- und Kraftquelle werden, wenn wir ihn erkennen und akzeptieren. Denn dann können wir über uns hinauswachsen, und es kann sogar Freude machen, ihn zu entdecken. Denn er lässt sich praktisch überall finden: In Witzen, über die wir lachen, und vor allem in solchen, über die wir nicht lachen können, in den Filmen die wir mögen, und in solchen, die wir nicht ausstehen können.

Wie sagte meine treueste Blog-Leserin einmal: „Was dich an andern stört – dir selbst gehört.“ Und das stimmt! Wann immer wir ein Urteil über jemanden fällen, zeigt das, dass wir einen Teil von uns unterdrücken. Sobald wir aber unsere eigene Unvollkommenheit erkennen und akzeptieren, wird uns auch der andere Mensch nicht mehr stören. Generell gilt das für alles in Deinem Leben: Alles Äußere spiegelt nur Dein Inneres. Das ist ein sehr umfangreiches Thema, auf das ich an anderer Stelle noch näher eingehen werde.

Hier und heute möchte ich Dir einen anderen Weg zeigen, Deinen Schatten besser kennenzulernen.

 

Übung 12.1: Den Schatten verstehen

Erinnerst Du Dich an Angelina und Diabolo? So wie Du der kritischen und der wohlmeinenden Stimme in Dir inzwischen einen Namen und eine Gestalt gegeben hast, und auf diese Weise wahrscheinlich schon bedeutend besser mit ihnen umgehen kannst, so kannst Du auch Deinem Schatten eine Form geben, die Dein Mitgefühl, Dein Verständnis und Deine Liebe ihm gegenüber fördert.

In den Herzensgedanken gibt es die schöne Aussage, dass Du alle Antworten, die Du wirklich brauchst, in Deinem Innern findest. Du musst nur still genug werden, um sie auch zu hören oder zu sehen. Auch den Kontakt zu Deinem Schatten kannst Du am besten herstellen, wenn Du in Dich gehst, denn dort hat er sich versteckt.

Sorge dafür, dass Du nicht gestört wirst, während Du die folgende Audio-Aufnahme hörst. Und nun widme die nächsten Minuten entspannt und in aller Ruhe Deinem seelischen Wachstum und Deiner Selbsterforschung. Drücke auf den Startknopf und lenke Deine Aufmerksamkeit nach innen.

[audio:http://www.leben-lernen-lieben.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/03/uebung_schatten_verstehen.mp3]
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Schreibe nun bitte auf, was Du während dieser Übung erlebt hast. Welche Gefühle, Gedanken und Einsichten hattest Du? Was für ein Tier war in Dir versteckt? Und kannst Du es nun besser verstehen und vielleicht sogar lieb haben? Ich wünsche Dir viel Spaß mit dem Tier, das Du in Dir gefunden hast. Gib ihm ruhig einen Namen, wenn Du magst. Beschäftige Dich immer wieder mit ihm. Mache es Dir zum Freund.

Ich weiß, das ist keine leichte Aufgabe. Doch die Welt braucht Dich – und zwar mit all Deinen kostbaren Facetten. Lerne alles an Dir kennen und lieben. Und wenn ich irgendetwas tun kann, um Dir dabei zu helfen, lass es mich bitte wissen. Allein bist Du gut – zusammen sind wir besser!

 

Zum Schluss möchte ich Dir noch etwas mit auf den Weg geben, das ich für mich selbst als Wahrheit erkannt habe: Was Du ablehnst, das bleibt. Hast Du schon einmal versucht, etwas zu ändern – seien es die Menschen in Deiner Umgebung, die Ereignisse Deiner Vergangenheit oder irgendeine ungeliebte Eigenschaft bei Dir selbst? Hat es funktioniert? Siehst Du? So ist das immer. Wenn Du beschließt, irgendetwas in Deinem Leben zu hassen, zu verurteilen oder abzulehnen, gebe ich Dir die Garantie, dass diese Sache bestehen bleibt. Denke einmal darüber nach.

Und noch etwas ganz Wichtiges: Was wir oder andere an uns als „Schwächen“ wahrnehmen, sind sehr oft nur Stärken, die wir in der jeweiligen Situation übertreiben, die in einem anderen Zusammenhang aber sehr, sehr wertvoll sein können. Wenn ich zum Beispiel erst einmal angefangen habe, kann ich reden wie ein Wasserfall. In einem Gespräch, in dem es um Austausch geht, oder bei einem Spaziergang, bei dem der andere einfach die Ruhe und die Natur genießen möchte, ist das fehl am Platz und kann ganz schön nerven. Wenn ich dagegen einen Vortrag halten möchte, dann hat diese Eigenschaft sehr viele Vorteile. Denke auch darüber einmal nach: Welche Deiner „Macken“ könntest Du zu Deiner größten Stärke entwickeln?

Alles Gute,
Dein Jürgen :-)

 

Bildquelle: Klaus Schenker

11 Kommentare

  1. Lieber Jürgen
    Das ist ein sehr interessantes Thema. Als ich meine Ausbildung hatte, da nahm ich mir vor: keine christlichen Meditationen, wird nicht mit Engeln gearbeitet und vielem mehr. Also ich hatte da eine sehr lange Liste. Und als mich mal jemand fragte, kannst Du nicht auch was mit Engeln machen, wurde es mir heiss und kalt – und ich erinnerte mich – sah hin – und erkannte. Meine Schatten wurden mir sehr bewusst und somit war mein Thema LOSLASSEN. Inzwischen ein begehrtes Thema mit dem ich mit mir und anderen sehr gerne arbeite. Lieber Jürgen Deine Artikel sind so lebensnah geschrieben, sehr empfehlenswert und ich hoffe, dass ich auch Menschen in meinem Umfeld darauf aufmerksam machen darf. Sonnige Grüsse aus Basel – Heide

    • Liebe Heide,

      da sieht man mal wieder, dass uns die Dinge, die wir ablehnen, immer wieder einholen. „Loslassen“ ist da wirklich das Zauberwort. Doch das geht erst, wenn wir uns die Dinge wirklich angesehen haben.

      Selbstverständlich darfst Du alle Menschen auf dieses Projekt aufmerksam machen, bei denen Du das Gefühl hast, dass es etwas für sie sein könnte. Ich bitte sogar darum. :-)

      Alles Liebe,
      Dein Jürgen

  2. Lieber Jürgen,

    ein wirklich ganz toller Artikel! Vielen Dank!

    Und als Ermutigung zu diesem Thema kann ich sagen,
    dass es immer leichter wird, sich den eigenen Schatten zu stellen,
    wenn wir einmal damit angefangen haben.

    Haben wir erst einmal die Erfahrung gemacht,
    dass der Schmerz, den wir bei „dem-uns-stellen“ erleben,
    in einer großen Erleichterung mündet und uns schließlich stärker werden lässt,
    wächst unser Vertrauen, dass es uns nicht „umbringt“,
    sich unsere Schattenseiten anzuschauen.
    Es wächst das Vertrauen, dass es in einem positiven Erleben münden wird!

    Liebe Grüße!
    Uta

    • Liebe Uta,

      ich danke Dir von Herzen für Deine Ermutigung. Wir können wirklich nur das verändern, was wir auch annehmen. Und wenn wir uns die Dinge, um die wir so gerne einen Bogen machen, etwas genauer ansehen, merken wir vielleicht sogar, dass es da gar nichts zu ändern gibt – und unsere vermeintlichen „Schwächen“ werden unsere besten Freunde. :-)

      Alles Liebe,
      Dein Jürgen

  3. Lieber Jürgen,
    ich bin gerade über deinen Artikel gestolpert und wurde gleich von ihm eingefangen. Dieses Thema beschäftigt mich auch sehr. Ich stimme dir voll und ganz zu, wenn du sagst, dass man sich seine „Schatten“ anschauen muss und lernen muss sie anzunehmen, um sich selbst als Person vollkommen wertschätzen zu können. Wenn man nur die „guten“ Seiten an sich selbst akzeptiert und die „schlechten“ Seiten verdrängt, ist man meiner Meinung nach nicht wirklich in Kontakt mit sich selbst und spielt sich selbst und anderen nur etwas vor.
    Ich finde es auch sehr ermutigend und inspirierend, dass du sagst, dass unsere sogenannten „Schwächen“ eigentlich Stärken sind, denn wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass es wahr ist.
    Danke und ich bin froh auf deine Seite gestoßen zu sein, ganz liebe Grüße,
    Leonie

    • Liebe Leonie,

      vielen Dank für die Bestätigung. Wir leben in Zeiten, in denen wir uns nur weiterentwickeln können, wenn wir bereit sind, uns selbst und anderen gegenüber vollkommen ehrlich zu sein. Wie viel ich meinem Gegenüber zeige, das hängt natürlich von der Situation und von der Art der Beziehung ab. Doch alles, was ich zeige, sollte meiner eigenen inneren Wahrheit entsprechen. Wir sehen es im Außen, wo immer mehr Fassaden bröckeln und Masken regelrecht heruntergerissen werden. Und wir spüren es in uns selbst, wenn wir die Leichtigkeit und die Freiheit empfinden, die uns unsere Ehrlichkeit bringt.

      Über „Dein“ Thema, das Glück, werden wir im Rahmen dieses Kurses übrigens auch noch sprechen. :-)

      Alles Liebe,
      Dein Jürgen

  4. Lieber Jürgen!
    Habe soeben Deinen Beitrag gelesen und die Übung angehört. Leider hat das Tier in mir mir nicht gesagt was es von mir erwartet. Mein Tier heißt Unzufriedenheit und ich würde gerne etwas in meiner umgebung verändern was mich sehr stört, doch Du hast Recht, was ich bisher migt ganzer Macht versucht habe abzulehnen, es ist mir geblieben. Ich habe es nícht geschafft da etwas zu verändern.Aber vielleicht wird das noch. Danke für Deinen Beitrag.
    Liebe Grüße
    Ursula

    • Liebe Ursula,

      liegt es wirklich in Deiner Macht, das, was Dich in Deiner Umgebung stört, zu verändern? Dann tue es, damit Du endlich zufrieden mit der Situation bist. Liegt es aber nicht in Deiner Macht – weil Du die Umstände nicht direkt beeinflussen kannst oder weil es um einen anderen Menschen geht, der sich ändern müsste -, dann gib dieses Vorhaben bitte auf. Es wird nicht funktionieren!

      Es gibt dann nur zwei Dinge, die Du wirklich ändern kannst: Entweder Dich selbst oder zumindest Deine Einstellung – diese Wahl hast Du IMMER! Überprüfe einmal Deine Erwartungen. Sind sie vielleicht etwas zu hoch? Und tust Du das, was Du erwartest, auch selbst? Da würde ich mal den Hebel ansetzen. Dann wird das auch. :-)

      Alles Liebe,
      Dein Jürgen

      • Liebe Ursula
        Zufriedensein – ja das ist ein Schlüsselwort. ! Manchmal sind wir auch Perfektionisten, meinen alles so haben zu wollen, wie wir es uns vorstellen und so in der Erwartung stecken, ohne dies zu merken und dadurch unzufrieden werden. Wir erwarten von anderen Menschen das Gleiche, das wir tun würden, doch da kommt nichts. Wenn Du Dich veränderst, verändert sich auch Dein Umfeld und Du spürst, dass Du in eine andere Energie kommst. Nichts erwarten und geschehen lassen, sich in Geduld mit sich üben – und auch mit anderen, sich annehmen ohne zu werten, so wie man ist, das ist Arbeit und wir haben jederzeit die Entscheidung in der Hand zu leiden oder uns weiter zu entwickeln. Beginn Dich vielleicht jeden Morgen über den Tag zu freuen, über Dich, über die Blumen, die Du auf Deinem Weg siehst, dankbar, dass Du amj Morgen aufstehen kannst, zaubere ein Lächeln am Morgen ins Gesicht, wenn Du Dich beim Zähneputzen im Spiegel siehst – und behalte das Lächeln in Deinem Herzen. Jürgens Artikel sind so interessant geschrieben – und wir können ihn auch in seiner Arbeit unterstützen, wenn er sieht, dass wir uns alle immer wieder einen kleinen Schritt vorwärts bewegen. Ich sende Dir ein liebevolles Lächeln für den heutigen Tag – und – wenn Du willst – schaffst Du es schneller als Du denkst. Herzliche Grüsse – Heide

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