Ich weiß, was in Schritt 8 mit relativ wenig Inhalt so harmlos aussah, hat sich für Dich möglicherweise als große Aufgabe herausgestellt, wenn Du über die gestellten Fragen nicht ohnehin schon öfter nachgedacht hast. Eine unserer Kursteilnehmerinnen hat für sich eine gute Methode gefunden. Sie nimmt sich jeden Tag „nur“ eine dieser 16 Lebensfragen vor, um darüber zu meditieren. Und das macht sie meiner Meinung nach vollkommen richtig. Ich betone hier immer wieder ausdrücklich, dass Du diesen Kurs in einem für Dich angenehmen Tempo durchführen kannst, weil es wichtig für Dein Selbstwertgefühl ist, dass Du über Deine Zeit – über Dein Leben! – selbst bestimmst und selbst entscheidest, was Du tust und wann.

Natürlich war dieser recht fette Brocken Absicht. :-) Durch diesen „Sprung ins kalte Wasser“ konntest Du nämlich schon einen ersten Eindruck gewinnen, was Du mithilfe dieses Kurses noch so alles für Dich klären kannst. Und heute schaffen wir die Grundlage dafür, denn ein Baum ist nur so stark wie seine Wurzeln. Sind diese kräftig und gesund, dann geben sie ihm Halt und Flexibilität, auch wenn ihm der Wind manchmal noch so sehr um die Nase weht.

 

Auf Deinen Spuren

Alles was Du im Laufe Deines Lebens erfahren und erlebt hast, beeinflusst hier und heute Dein Leben. Deine Herkunft, ob Du in einer Partnerschaft lebst oder allein, Deine Freunde und Bekannten, Dein Zuhause und Deine Nachbarn, die Landschaft, in der Du lebst, Dein Arbeitsplatz und Deine Kolleginnen und Kollegen, die Arbeit selbst, die Du tust und die berufliche Perspektive, die Du hast. Das alles und noch vieles mehr prägt Dich.

Vieles davon ist Dir bewusst und ist lebendig in Deinen Erzählungen und Anekdoten und abgelagert in Fotoalben. Andere Erfahrungen sind weit weg, und Du erinnerst Dich nur selten oder durch „Zufälle“ an sie. Die heutigen Übungen sollen Dir helfen, Deine eigene Lebensgeschichte klarer zu sehen.

 

Übung 9.1: Wendepunkte

Lass uns einen Moment über die bedeutsamsten Wendepunkte nachdenken, die einen bleibenden Einfluss auf Dein Leben gehabt haben. Ein Wendepunkt ist ein Moment, in dem sich unser Leben ändert. Er kann zu einer veränderten Sichtweise auf das Leben an sich, zu einem anderen Selbstbild oder zu einer neuen Zukunftsperspektive führen. Manche Veränderungen sind wichtiger als andere; dabei kommt es weniger auf die eigentlichen Ereignisse an als auf die Art, wie wir diese deuten.

Welcher Art sind die Wendepunkte, die Deinen Lebensweg beeinflusst haben? Manche wirken auf den ersten Blick vielleicht klein (als Du Dein erstes Fahrrad bekamst), erweisen sich jedoch für Deine Weiterentwicklung als entscheidend (den Wert der Unabhängigkeit schätzen lernen). Andere scheinen zuerst von erheblicher Bedeutung zu sein (nicht die Stelle zu bekommen, die Du Dir so sehr gewünscht hattest), stellen sich dann aber als weniger wichtig heraus (man bietet Dir eine andere Stelle an, die genauso gut ist). Es gibt auch welche, die ganz und gar negativ sind (ein ernstes gesundheitliches Problem), aber wiederum auch Positives zur Folge haben (Du kommst Deiner Familie näher und lernst Dinge, die Du für selbstverständlich erachtet hast, wieder neu wertzuschätzen).

  • Wenn Du in diesem Moment über Dein Leben nachdenkst, welche entscheidenden Wendepunkte fallen Dir ein?

  • Kamen sie erwartet oder ganz plötzlich?

  • Waren bestimmte Menschen oder eher Ereignisse ausschlaggebend?

  • Bewertest Du sie als positiv oder als negativ?

Aus einer bestimmten Perspektive betrachtet haben alle Ereignisse – egal, ob sie als positiv oder negativ wahrgenommen werden – die Möglichkeit, Dich zum Besseren zu verändern, wenn Du sie als hilfreich verstehen lernst. Manche Wendepunkte erscheinen sehr düster und völlig überflüssig, aber indem Du über den Nutzen nachdenkst, den sie vielleicht für Dein seelisches Wachstum haben, bekommen sie einen neuen Sinn.

Nimm Dir ein paar Minuten Zeit und denke an einen markanten Wendepunkt in Deinem Leben und schreibe ihn auf.

  • Was ist passiert?

  • Wie hat Dich dieses Ereignis beeinflusst?

  • Inwiefern bist Du deswegen heute ein anderer Mensch?

  • Welche Aspekte daran sind positiv und welche negativ?

  • Was ist das Wichtigste, das Du daraus über Dich erfahren hast?

Wiederhole das mit ein oder zwei weiteren Ereignissen, die Dein Leben in eine neue Richtung gelenkt haben. Und wenn Du damit fertig bist, dann frage Dich einmal:

  • Worin liegt die starke Wirkung von Wendepunkten?

  • Siehst Du sie inzwischen mit anderen Augen?

  • Glaubst Du, dass es Wendepunkte gibt, die gar nichts Positives an sich haben?

  • Haben sich manche Erfahrungen wiederholt? Und was glaubst Du, warum das dann so war?

 

Übung 9.2: Schlüsselfiguren

Dein Selbstbild wird nicht nur von Wendepunkten beeinflusst, sondern auch von Schlüsselfiguren, das heißt von bedeutsamen Menschen. Ein starker Einfluss ist bei vielen die Familie. Wenn wir noch jung sind, tendieren wir zu der Annahme, dass die Ansichten der eigenen Familie „die Realität“ sind. Wenn wir älter werden, begreifen wir allmählich, dass unsere Identität viel mit unserer Familie zu tun hat. Natürlich bestehen Familien aus einzelnen Personen, die uns unterschiedlich wahrnehmen. Dein Vater sieht Dich vielleicht so – und Deine Mutter anders.

Die Anzahl Deiner Geschwister und Deine Stelle in der Geburtsreihenfolge können sich stark auf Dein Selbstverständnis auswirken. Unsere familiären Gewohnheiten (einschließlich der kulturellen Einflüsse) bestimmen auch im Wesentlichen unsere zukünftige Persönlichkeit. Innerhalb einer bestimmten Tradition, in die wir hineingeboren wurden, können wir nicht erkennen, wie sehr diese unser Selbstbild beeinflusst, erst wenn wir in der Lage sind, Abstand zu nehmen, können wir sie in einem objektiven Licht betrachten.

Auch Menschen außerhalb Deiner Familie können Dein Leben beeinflussen. Dies können Freunde, Lehrer, Vorgesetzte, Mentoren, „Feinde“ und Persönlichkeiten aus Politik oder Religion sein. Ihr Einfluss kann subtil oder offensichtlich sein, negativ oder positiv, und manchmal auch beides. Was sie sagen oder tun, kann Dich verändern, wenn Du sie Dir zum Vorbild nimmst. Du beobachtest, was andere tun, und baust diese Erfahrung in Dein Weltbild ein. Vielleicht magst Du gar nicht, was Du siehst – auch das kann einen starken Einfluss auf Dein Weltbild haben.

Autoritätspersonen scheinen uns stärker zu beeinflussen als andere Menschen, weil wir uns bewusst um Hilfe und Anleitung an sie wenden und ganz besondere Erwartungen an sie haben. Von ihren Botschaften und Beispielen lernen wir etwas über unsere Welt. Wir schauen auf scheinbare oder tatsächliche Experten, weil sie auf einem bestimmten Gebiet mehr wissen als wir. Manchmal lernen wir ganz bewusst von Autoritätspersonen, aber häufig ist uns gar nicht bewusst, wie viel Einfluss sie auf uns haben. Den Einfluss eines anderen Menschen erkennt man oft viel später, wenn man den Ursprüngen eigener Ansichten auf die Spur kommt.

Vielleicht erschienen Dir die Menschen, mit denen Du zu tun gehabt hast, oder die Dinge, die Du erlebt hast, zu der Zeit relativ unbedeutend und Du wirst Dir ihrer Bedeutsamkeit erst später bewusst. Vielleicht hier und heute? Deshalb denke nun einmal über die Menschen nach, die Dich stark beeinflusst haben.

Schreibe die Namen von zwei oder drei Menschen (keine Familienangehörigen) auf, die Dich wesentlich beeinflusst haben, und beantworte die folgenden Fragen in Bezug auf jede Person:

  • Unter welchen Bedingungen hast Du diese Person kennengelernt?

  • Was hast Du von ihr gelernt?

  • Wie hat sich der Einfluss dieser Person in Deinem Leben bemerkbar gemacht?

  • Wie oft denkst Du über diesen Menschen nach?

  • Was würde dieser Mensch wohl von dem halten, was Du über ihn geschrieben hast?

  • Wie wäre es, wenn Du jeder Person das schicken würdest, was Du über sie geschrieben hast?

So, das soll für heute erst einmal genügen. Mit diesen Übungen kannst Du ganz bestimmt sehr viel über Deine Wurzeln erfahren und sie auch stärken. Im Laufe dieser Kurswoche werde ich Dir ausführlich erzählen, welches der wichtigste Wendepunkt in meinem eigenen Leben war und ich werde Dir auch noch weitere Hilfsmittel an die Hand geben. Unter anderem kümmern wir uns auch um Dein inneres Kind. Du darfst also gespannt sein. :-)

Ich wünsche Dir viel Spaß mit der heutigen Folge.

Alles Liebe,
Dein Jürgen

 

PS: Macht es Dir Spaß, Dich besser kennenzulernen? Willst Du noch mehr über Dich herausfinden? Dann habe ich hier einen Linktipp für Dich: iPersonic.de.

 

PPS: Ich möchte dieses Programm für Dich und andere immer weiter verbessern. Deshalb würde ich mich über einen Kommentar von Dir sehr freuen. Wie hat Dir die heutige Ausgabe gefallen? Was war daran gut? Was hätte ich weglassen können? Worauf bist Du besonders neugierig? Schreibe mir bitte ein paar Zeilen. – Vielen Dank!

 

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Kommentare

Kommentare

4 Kommentare

  1. Lieber Jürgen
    Danke für den LINK. Seine Wurzeln erkennen, sie anerkennen, das ist sehr wichtig im Leben. Wendepunkte im Leben, ja, leider sind die oft Schicksalsschläge, die uns Menschen reifen und auch unsere Bestimmung finden lassen. Und wenn wir dann offen sind, treffen wir Menschen, die uns die Hand reichen und uns Richtung zeigen. Unser Leben ist so wertvoll, dass wir jederzeit bewusst jeden Augenblick geniessen und uns unseres Lebens freuen sollen, egal – was rund um uns geschieht. Ich freue mich immer über Deine Gedanken – herzlichen Dank. – lg. Heide

  2. Lieber Jürgen,

    mir ist schon letztes Jahr aufgefallen, dass es in meinem Leben wenige gravierende Wendepunkte gab. Viel mehr wurde ich von gut (oder auch schlecht) gemeinten Mantras geprägt. Einige waren offensichtlich, andere sind „nur“ im Unterbewußtsein angeschweißt. Langsam komme ich ihnen auf die Spur und wende mich in kleinen Punkten der Veränderung zu.

    Liebe Grüße

    Elke

    • Liebe Elke,

      diesen „Mantras“, wie Du sie nennst, werden wir uns in dieser Woche noch zuwenden. Wenn ich rechtzeitig fertig werde, sogar heute noch. Du bekommst dann Post von mir. :-)

      Alles Liebe,
      Dein Jürgen

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